Werke von Walter Yu

 

Ich träumte, ein Geier und eine Fledermaus zu sein

1. Ich war ein Geier
Der rote Mond ging auf, und die Menschen brachten Blutopfer dar. Wir wussten, dass eine Katastrophe bevorsteht, aber die Menschen bemerkten es noch nicht einmal. Wenn der rote Mond auf die leere Position vorgerückt sein würde, wehte ein böser Wind über die ganze Erde. Eine solche Zeit betraf auch meinen Clan. Der Mond stieg immer höher und wurde immer heller. Mein Clan musste diesen Ort rechtzeitig verlassen.
Tatsächlich waren Blutopfer völlig sinnlos, mit bösen Gedanken konnte man keine bösen Gedanken vertreiben.

Ein starker Nordwind wehte jetzt. Der mächtigste Geier meines Clans Kolonie erzählte folgende Geschichte:
“Bei den Vögeln gibt es eine mysteriöse Familie. Der Wind wird unter ihren Flügeln erzeugt. Sie müssen nur ihre Flügel ausbreiten, um beliebig am Himmel zu gleiten. Der Ort, an dem sie leben, liegt noch viel höher als die Sonne. Dort ist es kühl und dunkel, es gibt nur Sternenlicht und Regenwasser. Und sie ernähren sich von Sternenlicht und Regenwasser. Sie nennen den Flug hinab in unsere Welt das Eintauchen in das Licht.

Ich traf einmal einen Vogel auf dem höchsten Berg. Es war einer der mysteriösen Vögel. Er war schon alt geworden und hatte nicht mehr lange zu leben. Es brachte mir einige Flugtechniken bei: Bei starkem Gegenwind könnt ihr doch ohne Flügelschlag direkt in der Luft schweben, wenn ihr nun den Winkel ein wenig verändert, könnt ihr direkt zum Himmel fliegen, schnell und hoch.”

Mein Clan war sehr erfreut, als er diese Geschichte vernommen hatte. Ich war der erste, der das versuchte, und öffnete meine Flügel gen Norden. Und wirklich hob mich eine riesige Kraft empor, mich schnellte flugs Richtung Himmel, hatte dann aber auf einmal ein Gefühl, als schlüge mir ein riesiger Hammer auf das Hirn. Mein Körper schien in blauen Flammen aufzugehen und wurde schnell zu einer verkohlten Leiche.

Dann wachte ich im Körper eines anderen Geiers auf und flog vorsichtig wieder in die Höhe. Als ich die Höhe erreicht hatte, auf der ich beim letzten Mal gestorben war, sah ich ein Netz aus Hochspannungsdrähten, das den ganzen Himmel füllte. Dieses Netz wurde von einem mächtigen Turm getragen. Es war endlos, hatte keinen Rand. Man kam allenfalls durch die Zwischenräume hindurch, konnte es also nicht umfliegen.

Ich flog ganz langsam. Mir gelang es, durch einen Zwischenraum in diesem Stromnetz zu fliegen, und glitt im harten Nordwind weiter nach oben.

Plötzlich spürte ich, wie mein Hirn sich heftig verkrampfte. Und wieder bekam ich einen Stromschlag und wurde zur verkohlten Leiche.

Dann wachte ich im Körper wieder eines anderen Geiers auf. Ich wusste nun, dass das Stromnetz mindestens zwei Schichten hatte. Nachdem ich dann durch die erste und die zweite Schicht gekommen war, flog ich vorsichtig weiter nach oben. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft und mir wurde bewusst, dass man nicht wissen konnte, aus wie vielen Schichten dieses Stromnetz besteht. Anscheinend war der Himmel in dieser roten Mondnacht wegen der unzähligen Schichten übereinander so dunkel.
Ich war zu diesem Zeitpunkt in einer äußerst gefährlichen Situation. Wenn ich auf die untere Netzschicht träfe, würde ich durch einen Stromschlag getötet. Auch oben würde ich sterben, wenn ich auf die Schicht dort träfe. Ich konnte zwischen den beiden Ebenen nur eng durchgleiten.

2. Ich war eine Fledermaus
Der rote Mond ging gerade im Osten auf, und die Menschen knieten vor ihm nieder. Wir wussten, dass eine Katastrophe bevorsteht. Wenn der rote Mond auf die leere Position vorgerückt sein würde, wird Menschenblut die Erde verschmutzen und sie verfluchen. Wenn dieser Fluch auf meinen Clan käme, würden wir definitiv alle sterben. Der Wind wird seine größte Stärke in drei Tagen entfaltet haben. Deswegen verließen wir diesen Ort.
Ich bin einmal ein Geier gewesen und erinnere mich an den Schmerz meines Todes, ich erinnere mich an das Netz des Todes, das im dunklen Nachthimmel verborgen war, als ich nach Norden flog. Also harrte ich in einem Turm aus.
Da kam der Fledermauskönig langsam zu mir her gekrochen. Sein Körper war so groß, dass seine Flügel den gesamten Platz des Blutopfers zudecken konnten, ja sie konnten den roten Mond zudecken. Seine hervorstechenden Augen waren weit größer als mein Körper. Der Fledermauskönig fragte mich: “Warum bist du so regungslos?”
Ich antwortete: ” Das Stromnetz am Himmel ist ein Käfig, den die Menschheit geschaffen hat, um die Welt einzusperren.
Der Fledermauskönig sagte: “Ich kann dieses Stromnetz durchbrechen.” Ich sah den Fledermauskönig an. Sein Körper war zwar so riesig wie ein Hochhaus, seine Haut indes überaus empfindlich. Ich konnte die pulsierenden Blutgefäße in seinen halbdurchsichtigen Flügeln sehen.
Ich sagte: “Ihr könnte dieses Stromnetz nicht durchbrechen. Lasst uns nach Süden fliegen.”
Also flog mein Clan nach Süden. Über Hügel und Urwälder, über Flüsse und Steppen. In der Nacht des roten Mondes schimmerten seltsame Blumen im Gras in einem sternenklaren dunkelblauen Licht.
Schließlich landeten wir. Ich lag im Gras und vernahm das Weinen der Menschen in der Ferne. Drei Tage waren vergangen, die Katastrophe war da, und ich weinte bitterlich.
Der Fledermauskönig fragte mich: “Warum weinst du?”
Ich antwortete: “Ich beweine die Lebenden und die Toten.”
Der Fledermauskönig sagte: “Du kannst nur acht Tränen vergießen, und wenn diese acht Tränen vergossen sind, wirst du sterben.”
Ich wusste das, konnte aber die Tränen nicht unter Kontrolle halten.